Andreas Hirstein überschreibt einen Artikel in der "Neue Züricher Zeitung" (NZZ) vom 17.11.2002 mit:

 "Der Hysterie geopfert
diese Übersetzung kann entstellend oder falsch sein!

(siehe auch im Lexikon unter "Amalgam" und den weiterführenden Links)


"Wenn Sie einmal in ein ratloses Gesicht schauen wollen, dann fragen Sie Ihren Zahnarzt doch das nächste Mal nach einer Amalgamfüllung. Schon heute werden viele Zahnärzte Ihrem Wunsch nicht mehr entsprechen, und in Zukunft werden es immer mehr sein, die auf die Verwendung von Amalgam verzichten und stattdessen Kunststoffe, sogenannte Komposite, als Füllmaterial verwenden.
Genaue Zahlen über den Anteil der Zahnärzte, die kein Amalgam mehr verwenden, gibt es zwar keine, aber laut Peter Jäger von der Schweizerischen Zahnärztegesellschaft (SSO) ist der «Trend ganz klar»: weg von den umstrittenen Quecksilberlegierungen. Rainer Voelksen vom Schweizerischen Heilmittelinstitut Swissmedic schätzt, dass heute weniger als 10 Prozent aller Zahnfüllungen mit Amalgam ausgeführt werden. «Für die Erstversorgung ist Amalgam tot», erklärt Adrian Lussi von der Universität Bern. Nur für große Löcher in den Seitenzähnen verwende man noch Amalgam, sofern den Patienten das nötige Kleingeld für die um ein Vielfaches teureren Keramik- oder Goldfüllungen fehle oder Kunststofffüllungen aus technischen Gründen nicht geeignet seien. In praktisch allen anderen Fällen setzte man auf Kunststoff.
Ganz im Trend liegt auch die Universität Zürich. Im Unterschied zu den Hochschulen in Basel, Bern und Genf lernen die Studenten hier schon seit Jahren nicht mehr, wie man Amalgam verarbeitet und appliziert. Dieses Problem überlässt die Zürcher Uni der späteren beruflichen Weiterbildung ihrer Absolventen. Und weil die Hochschulen nun mal darüber bestimmen, was in einer Disziplin «State of the Art» ist und was nicht, gilt heute als ewig gestriger Trottel, wer noch irgendein gutes Wort über Amalgam verliert.
Tatsächlich kommt es bei der Anwendung von Amalgam in sehr wenigen Fällen zu allergischen Reaktionen, die ein Entfernen der Plomben notwendig machen. Doch solche Fälle sind seltener als bei den hierzulande propagierten Alternativfüllungen aus Komposit, die in extrem seltenen Fällen sogar lebensbedrohliche anaphylaktische Schockreaktionen auslösen können.
Das allergene Potenzial von Kunststoffen ist also größer als dasjenige von Amalgam. Andere Studien haben außerdem nachgewiesen, dass die derzeit auf dem Markt befindlichen Kunststoffmaterialien im Reagenzglas als Zellgift wirken («Deutsche Zahnärztliche Zeitschrift», 10/2001) und dass einige Inhaltsstoffe genetische Veränderungen und damit auch Krebs verursachen könnten («Mutagenic Research», Bd. 368 [1996]).
Ein faktisches Verbot  
Deswegen sind Kunststofffüllungen nicht automatisch gefährlich. Doch die rasche Entwicklung dieser Materialien macht es heute unmöglich, alle Nebenwirkungen mit der gleichen Sicherheit wie bei dem seit über hundert Jahren verwendeten und bestens untersuchten Amalgam vorauszusagen. «Man muss sich die Frage stellen, ob man durch den ausschließlichen Einsatz von Alternativmaterialien nicht den Teufel mit Beelzebub austreibt», erklärt Rainer Voelksen von Swissmedic. In einer Empfehlung, die voraussichtlich noch vor Ende Jahr publiziert wird, hält sich Swissmedic exakt an die Position der WHO. Die Weltgesundheitsorganisation rät, bei Schwangeren und Kleinkindern auf Amalgam zu verzichten. Eine generelle Sanierung von Amalgamplomben wird aber nicht empfohlen, und auch ein generelles Verbot werde nicht erlassen, erklärt Voelksen. «Dafür fehlen uns die wissenschaftlichen Fakten. Ein entsprechender Entscheid wäre juristisch nicht haltbar.»
Das scheint auch gar nicht mehr nötig zu sein. Denn faktisch hat die Kapitulation der Zahnärzte vor der Amalgamhysterie genau das gleiche Resultat. Die Dummen sind die Patienten, die in Zukunft immer seltener die freie Wahl zwischen Amalgam und Komposit haben werden. Und die dafür auch noch höhere Preise zahlen müssen. Denn eine Füllung aus Kunststoff ist teuer. Die Verarbeitung erfordert vom Zahnarzt eine ungleich größere Sorgfalt als beim problemlosen Amalgam, dass auch beim Kontakt mit Speichel austrocknet. Kunststoff dagegen benötigt absolute Trockenheit, damit sich die Moleküle zu einem festen Polymer verbinden. Verarbeitungsfehler wirken sich daher drastischer aus als bei Amalgam und erfordern vergleichsweise häufig Nachbehandlungen.
Die Achse des Bösen  
Trotz all diesen Vorteilen gilt Amalgam seinen Gegnern als Wurzel allen Übels, gelten Naturwissenschaften, Schulmedizin und Amalgamhersteller als zahnmedizinische Achse des Bösen. Amalgamskeptiker machen die Füllungen für fast 200 verschiedene Symptome verantwortlich. Ob Konzentrationsschwäche, Depressionen, Kopfschmerzen, Krebs, multiple Sklerose oder Alzheimer: Wenn man nicht weiß, woran es liegt, dient Amalgam als Sündenbock. Mit der Ächtung der Legierung haben die Amalgamgegner einen Sieg errungen, der umso erstaunlicher ist, als wissenschaftliche Belege für die Schädlichkeit der Füllungen fehlen und – schlimmer noch – die heute an ihrer Stelle verwendeten Kompositmaterialien weniger haltbar und aus medizinischer Sicht weniger gut einzuschätzen sind als Amalgam.
Das in der Zahnmedizin verwendete Amalgam besteht zu rund 50 Prozent aus Quecksilber, dem einzigen metallischen Element, das bei Zimmertemperatur flüssig ist. Die restlichen 50 Prozent setzen sich aus einem Legierungspulver zusammen, das in erster Linie Silber und in geringerem Masse Zinn und Kupfer enthält. Beim Vermischen der Bestandteile verbindet sich das Quecksilber mit den Pulverteilchen, wodurch ein sehr harter und dauerhafter Verbund entsteht.
Mit der chemischen Zusammensetzung sind zwei Nachteile des Werkstoffs verbunden. Die Füllungen sind nicht zahnfarben, und sie geben winzige Mengen von Quecksilber in den Speichel ab, das dann unter anderem über den Magen-Darm-Trakt in den Organismus gelangt. Adrian Lussi von der Universität Bern hat gemessen, dass Amalgamträger auf diesem Weg täglich ein Mikrogramm Quecksilber aufnehmen. Doch diese Konzentration ist, gemessen an den Grenzwerten der WHO, unbedenklich, führt sie doch nur zu einer Konzentration von maximal 5 Mikrogramm Quecksilber in einem Liter Blut. Die sogenannte kleine Quecksilbervergiftung (Mikromerkuralismus) beginnt dagegen erst bei 20 Mikrogramm, einem Wert, der nicht durch Amalgamplomben, dafür aber durch häufigen Fischkonsum verursacht werden kann. Wer also Amalgam verbieten will, müsste sich eigentlich zunächst um die Schließung der Zürcher Sushi-Bars bemühen, bevor er sich der Zahnheilkunde zuwendet. Doch davor bewahrt uns wahrscheinlich die Statistik: Japaner haben trotz häufigem Fischverzehr und daher überdurchschnittlich hohem Quecksilbergehalt im Blut die höchste Lebenserwartung der Welt.
«Die meisten Menschen die über Amalgambeschwerden klagen, haben in Wahrheit andere Probleme», schreiben Walter Krämer und Gerald Mackenthun in ihrem Buch «Die Panikmacher» (Piper-Verlag). Das tönt vielleicht zynisch. Aber es lässt sich durch verschiedene Studien belegen. Zuletzt hat eine in der Zeitschrift «Psychotherapy and Psychosomatics» (Bd. 71, S. 223) veröffentlichte Untersuchung nachgewiesen, dass das Auftreten der angeblichen Amalgambeschwerden nicht mit dem Quecksilbergehalt im Blut der Patienten korreliert. Die Patienten haben im Schnitt die gleichen Blutwerte wie der beschwerdefreie Teil der Bevölkerung. Dieses Ergebnis stütze die These, dass die Leiden der Patienten in Wirklichkeit ein Ausdruck von psychischen Problemen seien, sagen die Autoren der Studie.

Nimmt man alle Vor- und Nachteile zusammen, fällt die Bilanz für Kunststofffüllungen heute noch ernüchternd aus. Sie sehen zwar besser aus, ihre Nebenwirkungen sind aber heute kaum abzuschätzen, ihre Verarbeitung ist fehleranfällig, und sie sind teuer. Und vor allem: Die Lebensdauer von Amalgamfüllungen erreichen die Komposite trotz großen Fortschritten bis heute nicht. Schon aus diesem Grund ist der Vorwurf, manche Zahnärzte hielten aus finanziellen Gründen an Amalgam fest, Unsinn. Im Gegenteil: Allein in Deutschland sind in den letzten 10 Jahren zweistellige Milliardenbeträge für unnötige Amalgamentfernungen bezahlt worden."

[Quelle: Andreas Hirstein in NZZ vom 17.11.2002 ]

siehe auch:

Amalgam - schädlich oder ungefährlich? Groß angelegtes Forschungsprojekt am Klinikum rechts der Isar abgeschlossen
eine Pressemitteilung des Informationsdienst Wissenschaft vom 4.4.2008



 

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