Der zuständige Referent des Ministeriums - Herr Dr. Rainer Harhammer - hat in Frühjahr 2001 eine umfangreiche Stellungnahme zur
Risikobewertung des Amalgams als Füllungswerkstoff abgegeben und kommt u.a. zu
dem Schluss:
"Nach gegenwärtigem Stand wissenschaftlicher Erkenntnis
besteht kein begründeter Verdacht dafür, dass ordnungsgemäß gelegte
Amalgamfüllungen negative Auswirkungen auf die Gesundheit zahnärztlicher
Patienten haben."
aus:
Bundesgesundheitsbl-Gesundheitsforsch-Gesundheitsschutz 2001.44:149-154
©: Springer-Verlag 2001
R. Harhammer, Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte, Bonn
Zusammenfassung
Der Gebrauch des zahnärztlichen Füllungsmaterials Amalgam wird nach
wie vor kontrovers diskutiert. Es ist unstrittig, dass aus
Amalgamfüllungen freigesetztes Quecksilber resorbiert wird und zur
Gesamtbelastung des Organismus mit Quecksilber beiträgt. Eine Bewertung
der an gesunden Personen und an Patienten mit selbstvermuteter
Amalgamkrankheit durchgeführten kontrollierten Studien ergibt aber
keinen wissenschaftlich begründbaren Verdacht dafür, dass ordnungsgemäß
gelegte Amalgamfüllungen negative Auswirkungen auf die Gesundheit des
Patienten haben. Ausnahmen sind seltene intraorale lichenoide Reaktionen sowie die
sehr seltenen Fälle allergischer Reaktionen gegen Amalgam. Aus Gründen
des vorbeugenden Gesundheitsschutzes wird jedoch empfohlen, die
Anwendung von Amalgam bei bestimmten Personengruppen (Patienten mit
schweren Nierenfunktionsstörungen, Schwangere) einzuschränken bzw. bei
Kindern sorgfältig zu prüfen, ob eine Amalgamtherapie notwendig ist.
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Wohl kaum ein anderes zahnärztliches Medizinprodukt
oder Arzneimittel wurde und wird in der Öffentlichkeit so kontrovers und
anhaltend diskutiert wie das Füllungsmaterial Amalgam. Im Ergebnis
dieser Diskussion wurde im Jahr 1997 vom Bundesministerium für
Gesundheit, dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte
(BfArM)) der Bundeszahnärztekammer, der Kassenzahnärztlichen
Bundesvereinigung, der Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und
Kieferheilkunde und der Deutschen Gesellschaft für Zahnerhaltung ein
Konsenspapier zu Restaurationsmaterialien in der Zahnheilkunde
veröffentlicht [1]. In diesem Konsenspapier werden neben der
Gegenanzeige "nachgewiesene Allergie" und der relativen Kontraindikation
schwere Nierenfunktionsstörungen weitere Empfehlungen bezüglich der
Anwendung von Amalgam gegeben: bei Schwangeren sollten möglichst keine
Amalgamfüllungen gelegt oder entfernt werden, bei Kindern aus Gründen
des vorbeugenden Gesundheitsschutzes sorgfältig geprüft werden) ob eine
Amalgamtherapie notwendig ist. Explizit wird auf die
Verantwortlichkeit des Zahnarztes für die Auswahl des jeweiligen
Fü1lungsmaterials hingewiesen .
Zahnärztliche Restaurationsmaterialien (und damit auch das Amalgam)
unterliegen seit dem 14.6.1998 ausschließlich dem europäischen und
deutschen Medizinprodukterecht. Daraus ergibt sich, dass die Produkte
vor ihrem Inverkehrbringen auf das Erfüllen von grundlegenden
Anforderungen geprüft und zertifiziert werden müssen. Dies liegt in der
Verantwortlichkeit der Hersteller sowie spezieller Prüfstellen) die von
den zu ständigen Behörden benannt und überwacht werden. Aufgabe des
BfArM ist es nach wie vor in Deutschland die Risiken einer Anwendung
solcher Produkte zu erfassen und zu bewerten.
"Kein anderes zahnärztliches Medizinprodukt wird in der Öffentlichkeit so kontrovers diskutiert wie Amalgam."
Vor diesem Hintergrund soll der vorliegende Beitrag einen kurzen Überblick über den gegenwärtigen wissenschaftlichen Kenntnisstand bezüglich der Frage möglicher toxischer Effekte von Amalgam bzw. möglicher schädlicher Auswirkungen des Füllungsmaterials auf den Gesundheitszustand der Patienten geben.
Quecksilber-Freisetzung aus Amalgamfüllungen
Amalgam entsteht durch Mischung etwa gleicher Gewichtsanteile eines Legierungspulvers (mit den Hauptkomponenten Silber, Zinn und Kupfer) und Quecksilber. Während der Erhärtungsphase kommt es zu einer Legierungsbildung zwischen dem Quecksilber und den Pulverbestandteilen unter Entstehung verschiedener kristalliner Metallphasen. Es ist heute unstrittig, dass auch aus ausgehärteten Amalgamfüllungen kontinuierlich Quecksilber freigesetzt wird [2]. Unter toxikologischen Aspekten sind drei chemisch verschiedene Formen von Quecksilber zu unterscheiden: metallisches, dampfförmiges Quecksilber (Hg°), anorganisch gebundenes Quecksilber (Hg2+) sowie organisch gebundenes Quecksilber (z. B. Methylquecksilber)) wobei die Formen in ihren pharmakokinetischen Eigenschaften und ihren toxikologischen Profilen erheblich differieren. In Zusammenhang mit Amalgam sind ausschließlich Hg° sowie Hg2+ von Bedeutung. Als mögliche Wege einer Quecksilber-Aufnahme in den Organismus kommen die gastrointestinale (Hg2+, Hg°) und die pulmonale (Hg°) Resorption in Betracht, wobei die Resorptionsquote in ersterem Fall bei 10 bzw. 1% und in letzterem Fall bei 8o% liegt [3]. Das pulmonal resorbierte Hg° wird bereits nach kurzer Zeit im Blut zu Hg2+ oxidiert. Andere Resorptionswege, wie die Hg-Aufnahme über die Pulpa, Gingiva oder Mundschleimhaut sind mit hoher Wahrscheinlichkeit zu vernachlässigen.
"Quecksilber kann vom Organismus durch die gastrointestinale und die pulmonale Resorption aufgenommen werden."
Ob das aus Amalgamfüllungen freigesetzte
Quecksilber toxikologisch relevante Auswirkungen auf den menschlichen
Organismus hat, hängt von der Menge ab, die pro Zeiteinheit aufgenommen
wird. Die Bestimmung dieser Menge war und ist Gegenstand einer Reihe von
Untersuchungen mit zum Teil sehr unterschiedlichen Ergebnissen. Dies
findet in der von der WHO 1991 veröffentlichten Abschätzung der
täglichen Quecksilberbelastung aus Amalgamfüllungen seinen Ausdruck, in
der Werte von 3,8 bis 21 µg Hg/Tag angegeben werden [4]. Ein hoher Wert
von 27 µg Hg/Tag pro zwölf Amalgamfüllungen wurde von Vimy und
Lorscheider berichtet während Skare und Engqvist 7,3 µg Hg pro zehn
Amalgamfüllungen bestimmten [5, 6]. Spätere Berechnungen ergaben, dass
diese Werte einer zum Teil erheblichen (um mehr als den Faktor 10)
Überbestimmung der Quecksilberbelastung entsprachen [7] . So setzten
Vimy und Lorscheider die Hg°- Konzentration in der Mundhöhle gleich der
Hg°- Konzentration in der Einatemluft. Darüber hinaus können
verschiedene weitere Faktoren wie Atemfrequenz, Inspirationsvolumen,
Flussrate und Sammelvolumen der Messinstrumente ebenfalls zu einer
Überbestimmung der Hg°Resorption führen [ 8].
In einer von Kingman und Mitarbeitern bei über 1100 Personen
durchgeführten Studie zeigte sich, dass die Hg-Konzentration im Urin um
ca. 1 µg/l pro zehn Amalgamflächen ansteigt [9]. Berglund berechnete
unter Berücksichtigung verschiedener Einflussfaktoren, wie Kauen von
Nahrung, Putzen der Zähne, Verhältnis von eingeatmeter, ausgeatmeter und
verschluckter intraoraler Luft bei verschiedenen Tageszeiten, eine
Hg-Aufnahme von 1,7 µg Hg pro zwölf Amalgamfüllungen und Tag [10].
Andere Studien gaben vergleichbare Werte an [7]. Olsson und Bergman
bestimmten unter Berücksichtigung der o. g. Faktoren die Werte älterer
Studien neu und ermittelten inhalativ aufgenommene Hg°-Mengen von
durchschnittlich 1 bis 2 µg pro Tag [ 11) 12] . Untersuchungen zur
Hg-Freisetzung aus Amalgamfüllungen beim Zähneputzen ergaben keinen
Hinweis auf eine toxikologisch relevante Mehrbelastung durch intensives
Putzen mit den üblichen Standardzahncremes [13]. Als tägliche
nahrungsbedingte Quecksilberzufuhr werden für die europäische und
nordamerikanische Inlandsbevölkerung Mengen von 2,4 µg (Methyl-Hg) bzw.
4,3 µg (Hg2+) geschätzt was einer Gesamtresorption von 2,6 µg entspricht
[ 14] . Andere Veröffentlichungen geben höhere Werte bis hin zu 20
µg/Tag an [12].
Ebenso bedeutsam wie umstritten für die Bewertung der Hg-Toxizität ist
die Bestimmung von Schwellenwerten, wie LOAEL (lowest observed adverse
effect level) und NOAEL (no observed adverse effect level). Die von der
WHO für Quecksilber angegebenen Schwellenwerte betreffen die
Konzentration in der Atemluft und wurden aus den Ergebnissen von
Toxizitätsstudien mit Industriearbeitern) die am Arbeitsplatz mit
dampfförmigem Quecksilber kontaminiert waren, abgeleitet:
» 100 µg/m3 Schwelle für klinische Mercurismus-Symptome (LOAEL)a
» 50 µg/m3 Nephrotoxizitäts-Schwellenwert (LOAEL)a
,
» 25 µg/m3 WHO-industrieller Schwellenwert (NOAEL)a,
» 5 µg/m3 Schwellenwert für die
Allgemeinbevölkerung (NOAEL)b,
» 1 µg/m3 Schwellenwert für Kinder,
Schwangere (NOAEL)b
(nach [12]; a 40 Stunden Exposition pro Woche, b
Dauerexposition).
Legt man den niedrigsten Schwellenwert von 1 µg/m3 zugrunde,
ergäbe sich bei einer vermuteten Ventilationsrate von 22 m3
pro Tag eine Sicherheitsschwelle für pulmonal resorbiertes Hg von nahezu
20 µg/Tag [12].
Es ist festzustellen, dass die Frage, welchen Anteil das aus
Amalgamfüllungen freigesetzte Quecksilber an der Gesamtbelastung des
Organismus hat, von einer Reihe von Faktoren abhängig ist und noch immer
kontrovers diskutiert wird [15]. Dabei bleibt es fraglich, ob eine
weitere Verbesserung des experimentellen Designs der Nachweismethoden
hier zu einer Klärung führen kann. Bezüglich der Risikobewertung von
Amalgam ist es jedoch von entscheidender Relevanz, inwieweit das aus
Amalgamfüllungen freigesetzte Quecksilber zu einer Beeinträchtigung der
Gesundheit des Patienten führt oder führen könnte.
Intraorale Nebenwirkungen von
Amalgamfüllungen und Allergien
Verschiedene Studien weisen auf einen
Zusammenhang zwischen Amalgamfüllungen und bestimmten lokalen
Erscheinungen, sogenannten oralen lichenoiden Reaktionen, an der Gingiva
oder Mundschleimhaut hin [16, 17, 18]. Wesentliches Charakteristikum
solch einer lichenoiden Reaktion ist, dass diese in direktem Kontakt zu
einer Amalgamfüllung steht. Die Symptomatik als klinisches Zeichen einer
bestehenden Überempfindlichkeit gegen Amalgam ist oft nur schwach
ausgeprägt und zeigt sich als grauweiße, leukoplakieähnliche Flecken
oder Streifen, die sich nach Entfernung der Füllung zurückbilden können.
Ein extrem seltenes Ereignis ist das Auftreten einer "klassischen"
Amalgamallergie. Diese ist Folge einer Typ IV-Immunreaktion (zellvermittelte
Reaktion vom Spättyp) und durch intra- und extraorale Symptome, wie z.
B. Exantheme, Urtikaria, ekzematöse Hauterscheinungen oder Stomatitis
gekennzeichnet. Derzeit sind trotz der hohen Anzahl weltweit gelegter
AmalgaImfüllungen in der Weltliteratur nur ca. 100 Fälle einer sicher
dokumentierten Amalgamallergie beschrieben [14]. Im Epikutantest kommt
es dagegen weitaus häufiger zu positiven Reaktionen gegenüber
anorganischem Quecksilber [14] , was als Ausdruck dafür gewertet werden
kann, dass die äußere Haut empfindlicher als die Mundschleimhaut auf
diese Allergene reagiert. Daher empfiehlt die Deutsche
Kontaktallergiegruppe nur dann Amalgamfüllungen auszutauschen, wenn
neben einer eindeutigen ekzematösen Reaktion im Epikutantest
(durchgeführt mit Quecksilber(II)-amidchlorid in 1% Vaseline oder
Amalgam in 5% Vaseline) auch charakteristische Veränderungen an der
Mundschleimhaut, wie z. B. Stomatitis, lichenoide Reaktionen oder
rezidivierende aphtöse Veränderungen in einem zeitlichen und örtlichen
Zusammenhang mit den Füllungen auftreten [19]; in den äußerst seltenen
Fällen von allergischen Reaktionen der Haut ist gleichermaßen zu
verfahren. Bei einer erneuten Kavitätenversorgung sollte dann natürlich
kein Amalgam verwendet werden.
Eine Reihe tierexperimenteller Studien beschäftigte sich mit der Frage,
ob Quecksilber- oder andere Metallionen immunmodulatorische Wirkungen
besitzen und somit an der Entstehung von Autoimmunerkrankungen beim
Menschen beteiligt sein könnten. An einigen genetisch empfindlichen
Ratten- und Mäusestämmen wurde gezeigt, dass unter den jeweiligen
Versuchsbedingungen die Applikation von Quecksilber zu einer Aktivierung
von B- und T-Lymphozyten, einer Hyperplasie von Milzzellen, einer
vermehrten Bildung von Immunglobulinen im allgemeinen und Antilaminin
oder Antifibrillarin-Antikörpern im besonderen führen kann [20, 21]. Auf
der Grundlage dieser Ergebnisse wurde ein LOAEL für immunogene Wirkungen
von 16 bis 24 µg Hg/Tag und kg Körpergewicht berechnet [22], dies
entspricht 1,1 bis 1,7 mg Hg/Tag bei einem Körpergewicht von 70 kg. Bei
den beschriebenen Immunreaktionen war das Vorhandensein bestimmter,
genetisch determinierter Histokompatibilitäts-Antigene (MHC-Komplex)
eine entscheidende Voraussetzung [22, 23]. Hultman und Mitarbeiter
fanden an einem Mäusestamm immunstimulatorische Wirkungen sowohl auf
Amalgam als auch auf quecksilberfreies Legierungspulver, was für
quecksilberunabhängige Effekte spricht [ 24].
"Es ist bislang nicht wissenschaftlich belegt, dass durch Quecksilber aus Amalgamfüllungen die Funktion des menschlichen Immunsystems, mit Ausnahme seltener Allergien, beeinträchtigt wird."
Die Übertragbarkeit dieser Befunde auf die Ätiologie menschlicher Autoimmunerkrankungen ist jedoch bei dem derzeitigen Kenntnisstand aus mehreren Gründen äußerst problematisch. Es fehlen Erkenntnisse über Faktoren der genetischen Empfindlichkeit beim Menschen, über die komplizierte Toxikokinetik kleiner Dosen von Metallionen, deren Oxydationsstatus und Proteinreaktivität sowie die jeweilige Stabilität von entstehenden Metallprotein Komplexen [23]. Somit finden sich, mit Ausnahme der seltenen Amalgamallergie, in der relevanten wissenschaftlichen Literatur bislang keine Belege dafür, dass durch Quecksilber aus Amalgamfüllungen die Funktion des menschlichen Immunsystems beeinträchtigt werden könnte. Cascorbi und Mitarbeiter untersuchten immunologische Parameter bei 78 Patienten, die verschiedenste Symptome auf ihre Amalgamfüllungen zurückführten, und fanden keine signifikanten Unterschiede gegenüber den Personen der Kontrollgruppe [25]. In einer Studie an 349 schwedischen Schülern ergaben sich keine Hinweise auf eine Assoziation von allergischen Erkrankungen und Amalgam oder anderen zahnärztlichen Füllungsmaterialien [26] .
Auswirkungen von Amalgam auf den Gesamtorganismus
Im Rahmen der zu Amalgam geführten
Diskussion werden dem Füllungsmaterial eine beachtliche Zahl der
unterschiedlichsten Nebenwirkungen bzw. Erkrankungen zugeschrieben. Dies
sind sensorische, motorische, neurovegetative, kardiale oder
gastrointestinale Störungen, Schmerzen und Entzündungen in verschiedenen
Körperregionen, immunologische Dysfunktionen, diverse intraorale
Missempfindungen, Galvanismus, Haarausfall, Schlafstörungen, Angst,
Depressionen, Nervosität, bösartige Tumoren, M.
Parkinson, M. Alzheimer u. a. [ 2, 27, 28].
Begründet wird dies durch Berichte von Patienten mit selbstvermuteter
Amalgamkrankheit. Das bislang zu dieser Problematik vorliegende
wissenschaftliche Erkenntnismaterial ergab jedoch keine Hinweise auf
mögliche ursächliche Zusammenhänge zwischen den o. g.
Symptomen/Erkrankungen und Amalgamfüllungen. Das von Patienten
angegebene Beschwerdebild des "Oralen Galvanismus" basiert auf der
Vorstellung stetiger Stromflüsse zwischen Metallen (einschließlich
Amalgamfüllungen) in der Mundhöhle mit daraus resultierenden intra- und
extraoralen Symptomen.
"Die Behauptung weitreichender Störungen durch Amalgamfüllungen ist nicht nachvollziehbar."
Gestützt wird diese Theorie durch direkte Strommessungen zwischen metallischen Restaurationen, die aufgrund der verschiedenen elektrischen Potentiale (Aufladung durch Freisetzung von Metallionen, Korrosion, entsprechend einer Kurzschlusssituation Werte von etlichen 10 µA über eine Dauer von ca. 0,1 s ergeben können, um dann auf geringere stationäre Werte abzufallen [14]. Die Ergebnisse solcher Messungen sind nicht aussagekräftig, da hier ein Stromfluss über einen künstlichen Leiter, der so in der Mundhöhle nicht vorhanden ist, erfolgt. Der tatsächliche Stromfluss über den Speichel bzw. das System Dentin-Pulpa-Kieferknochen-Pulpa-Dentin ist aufgrund der hohen Widerstände erheblich geringer [14]. Hinzu kommt bei Amalgam die Ausbildung einer oxidischen Isolationsschicht (Passivierungsschicht) an der Oberfläche, so dass auch bei direkter Nachbarschaft oder antagonistischem Kontakt mit einer Edelmetalllegierung keine mit den "experimentell gemessenen Strömen" vergleichbaren Ströme zu erwarten sind [29, 30]. In einzelnen Fällen kann ein metallischer Geschmack auftreten, in Extremfällen sind Schmerzsensationen im Kieferbereich nicht auszuschließen [14]. Die Behauptung weitreichender galvanisch bedingter Störungen sowie pathologischer Veränderungen neuronaler und nichtneuronaler Gewebe durch Amalgamfüllungen ist dagegen nicht nachvollziehbar. Durchgeführte Studien ergaben keine Unterschiede in den gemessenen elektrischen Werten zwischen Patienten mit angegebenen Beschwerden des "Oralen Galvanismus" und beschwerdefreien Kontrollgruppen, und zeigten keine Korrelationen zwischen dem Ausmaß der Beschwerden und den gemessenen Werten [14]. Gleichwohl begünstigt ein elektrisch leitender Kontakt zwischen verschiedenen Legierungen grundsätzlich die Korrosion der unedleren (die aber auch für sich allein korrodieren), so dass ein direkter Kontakt zwischen Amalgam und dentalen Gusslegierungen vermieden werden sollte. Eine interessante Studie zur Frage eventueller Auswirkungen von Amalgam wurde an 587 schwedischen Zwillingen durchgeführt (die besondere Wertigkeit dieser Studie resultiert daraus, dass durch das Vorhandensein einer "Zwillingskontrolle" der Einfluss des Faktors der genetischen Prädisposition quasi vernachlässigt werden kann). Es zeigten sich keinerlei Hinweise auf eine durch Amalgam hervorgerufene negative Beeinflussung der körperlichen oder mentalen Gesundheit oder der Gedächtnisfunktionen bei dieser Population [31] . Saxe und Mitarbeiter untersuchten bei einer bezüglich von Umwelteinflüssen sehr homogenen Population den Zusammenhang zwischen Anzahl und Größe von Amalgamfüllungen und kognitiven Funktionen [32]. Die Studie mit 129 römisch-katholischen Nonnen im Alter von 75 bis 102 Jahren ergab keinen Hinweis für eine Beeinträchtigung der Gedächtnisfunktion durch Amalgam. In einer Studie an über 1200 schwedischen Frauen zeigten sich gleichfalls keine Korrelationen zwischen Serum-Quecksilberkonzentration/Anzahl von Amalgamfüllungen und den mehr als 30 berichteten Symptomen bzw. Krankheiten wie Diabetes, Myokardinfarkt, Schlaganfall oder Krebserkrankungen [33].
Ist zahnärztliches Personal besonders belastet?
Die amalgaminduzierte
Quecksilberbelastung von Zahnärzten und zahnärztlichem Personal lag
zumindest in der Vergangenheit deutlich über der ihrer Patienten, so
dass epidemiologische Studien mit dieser Population von besonderer
Bedeutung sind. Die Bewertung von Mortalitätsstudien lieferte bislang
keine Hinweise dafür, dass infolge einer erhöhten Quecksilberbelastung
die Lebenserwartung von Zahnärzten reduziert ist oder bestimmte
Erkrankungen gehäuft auftreten [15, 34, 35, 36]. Einzelne
Untersuchungen. die subklinische neurologische bzw. Verhaltenseffekte
bei Zahnärzten beschreiben [37, 38], können aus methodischen Gründen (z.
B. fehlende oder ungeeignete Kontrollgruppen) nicht als ausreichend für
die Schlussfolgerung quecksilberinduzierter Nebenwirkungen bei
Zahnärzten angesehen werden [36] .
Von großer Bedeutung für die Bewertung möglicher Auswirkungen von
Amalgam auf den menschlichen Organismus sind solche Studien, die mit
Patienten durchgeführt wurden, die Krankheitssymptome als Folge ihrer
Amalgamfüllungen angaben. Bratel und Mitarbeiter verglichen Patienten
mit selbstvermuteter Amalgamkrankheit und eine entsprechend geeignete
Kontrollgruppe hinsichtlich der Quecksilberkonzentrationen in Blut, Urin
und Haaren, fragten nach verschiedenen medizinischen Symptomen und
führten stomatognatische, psychiatrische und biochemische Tests durch
[39] . Die in der Studie erzielten Resultate sprechen gegen Quecksilber
als Ursache der selbstvermuteten Amalgamkrankheit: In beiden Gruppen
wurden ähnliche Quecksilberkonzentrationen ermittelt und signifikante
Korrelationen zwischen der Quecksilberkonzentration in Blut oder Urin
und der Schwere der berichteten körperlichen oder mentalen Symptome
wurden nicht gefunden. Auch war keine Korrelation der angegebenen
elektrogalvanischen Phänomene bzw. oralen Beschwerden mit den
Quecksilberkonzentrationen in den Körperflüssigkeiten vorhanden.
Herrström und Högstedt untersuchten 142 Frauen und 76 Männer mit
selbstdiagnostiziertem oralen Galvanismus und fanden gleichfalls keinen
Zusammenhang zwischen der Quecksilber-Konzentration im Blut und den
klinischen Befunden oder berichteten Symptomen [28].
"Anwendungseinschränkungen für Amalgam bei bestimmten Personengruppen begründen sich aus dem Prinzip des vorbeugenden Gesundheitsschutzes."
Sandborgh-Englund und Mitarbeiter
untersuchten bei Patienten mit selbstvermuteter Amalgamkrankheit die
Auswirkungen einer 14-tägigen oralen Applikation von
2.3-Dimercaptosuccinylsäure (DMSA), einem Komplexbildner für
Quecksilber, oder eines Placebopräparates [4o].Vor und zu verschiedenen
Zeitpunkten nach der Applikationsphase wurden als Testparameter die
renale Quecksilberexkretion und die Quecksilberkonzentration in Blut und
Plasma gemessen sowie die subjektiven Symptome der Patienten erfasst.
Wie erwartet, führte die Gabe des Komplexbildners zu einem Anstieg der
Quecksilberexkretion und zu einem Absinken des Blutspiegels; 90 Tage
nach Applikationsbeginn kehrten die Werte auf ihr ursprüngliches Niveau
zurück. Bei drei Patienten traten (wahrscheinlich durch DMSA
hervorgerufene) Überempfindlichkeitsreaktionen auf. Ein Effekt des
Komplexbildners auf die mit Amalgam assoziierten Symptome war aber nicht
festzustellen. Vamnes und Mitarbeiter zeigten, dass die
Quecksilberausscheidung nach intravenöser Gabe von
2.3-Dimercaptopropan-l-sulfonat (DMPS) zwar mit dem Vorhandensein von
Amalgam korrelierte, jedoch nicht zwischen Gesunden und Patienten mit
selbstvermuteter Amalgamkrankheit differenzieren konnte [41].
Ein Vergleich von Personen mit und ohne amalgambezogene Beschwerden war
Gegenstand eines interdisziplinären Forschungsprojektes der Universität
Gießen [42]. Die Gruppe der Patienten mit Amalgamängsten wies keine
höheren Quecksilberkonzentrationen in Blut und Urin als der
Bevölkerungsdurchschnitt auf und unterschied sich hinsichtlich dieser
Parameter auch nicht signifikant von einer Kontrollgruppe mit
vergleichbarem Zahnstatus. Die Patienten mit amalgambezogenen
Beschwerden gaben aber signifikant mehr psychische Belastung und
Depressivität sowie Somatisierungsstörungen an. Es wird
geschlussfolgert, dass die Ergebnisse der Studie nicht dafür sprechen,
dass Amalgam psychische oder neurologische Störungen verursacht.
Verschiedene andere wissenschaftliche Veröffentlichungen kommen zu
vergleichbaren Resultaten [7].
Berichte über erhöhte postmortale Quecksilberkonzentrationen in
bestimmten Hirnarealen bzw. subzellulären Fraktionen bei Patienten mit
Morbus Alzheimer führten zu der Spekulation, dass Quecksilber aus
Amalgam im Rahmen der Pathogenese dieser neurodegenerativen Erkrankung
eine Rolle
spielen könnte. Saxe und Mitarbeiter bestimmten bei 68 Patienten mit M.
Alzheimer und 33 Kontrollpersonen die Quecksilberspiegel in
verschiedenen Hirnregionen und erfassten dabei auch deren Amalgamstatus
und -historie. Im Ergebnis der Studie fanden sich keine Unterschiede
zwischen den Gruppen und somit keinerlei Hinweis dafür, dass
Amalgam ein neurotoxischer Faktor bei der Pathogenese des M. Alzheimer
sein könnte [43].
"Die in Studien erzielten Resultate sprechen gegen Quecksilber als Ursache einer selbstvermuteten Amalgamkrankheit."
Die in dem Konsenspapier zu Amalgam [1]
gegebenen Empfehlungen zur Anwendungseinschränkung bei Patienten mit
schweren Nierenfunktionsstörungen) bei Schwangeren und bei Kindern sind
mit dem Prinzip des vorbeugenden Gesundheitsschutzes zu begründen.
Experimentelle Untersuchungen an Schafen konnten zeigen, dass sich
Quecksilber aus Amalgam in der Niere anreichert bzw. nach Applikation
der Füllungen die Inulin-Clearence erniedrigt war, was auf mögliche
Störungen renaler Funktionen hinweist [44, 45]. Es ist allerdings zu
berücksichtigen, dass Schafe ein anderes Kauverhalten als Menschen
besitzen und diese Studien an nur wenigen Tieren durchgeführt wurden.
Humane, an gesunden Probanden durchgeführte Studien ergaben dagegen
keine Hinweise darauf, dass Amalgamfüllungen die Nierenfunktion
beeinflussen [46, 47] . Drasch und Mitarbeiter untersuchten post mortem
den Einfluss von Amalgam auf die Quecksilberkonzentration in
verschiedenen Organen und fanden bei Personen mit mehr als zehn
Amalgamfüllungen eine deutlich höhere Belastung der Nierenrinde als bei
Personen mit null bis zwei Füllungen [48].
Hinweise auf eine gesundheitliche Beeinträchtigung der Patienten lassen
sich daraus jedoch nicht ableiten. In einer weiteren Studie von Drasch
und Mitarbeiter wurde ein Zusammenhang zwischen der
Quecksilbergewebekonzentration bei autopsierten Feten bzw. Kindern und
der Anzahl der mütterlichen Amalgamfüllungen beschrieben [49]. Auch
zeigen tierexperimentelle Daten, dass metallisches Quecksilber die
Plazentabarriere überwinden und in fetale Organe gelangen kann [2].
Obwohl aus diesen Befunden nicht geschlussfolgert werden kann, dass
Amalgamfüllungen der Mutter zu gesundheitlichen Störungen oder Schäden
bei Feten/Neugeborenen führen, sollten die besonderen
Vorsichtsvorkehrungen für Schwangere beachtet und in diesem Zeitraum
keine neuen Amalgamfüllungen gelegt werden [1] . Dokumentierte
Fallbeschreibungen verdeutlichen, dass Säuglinge und Kleinkinder
besonders empfindlich auf eine chronische Exposition mit metallischem
Quecksilber, z. B. aus zerbrochenen Fieberthermometern, reagieren und
Symptome der Akrodynie (Feer'sche Krankheit) ausbilden können [5O, 51].
Wenngleich es bislang keinen Anhaltspunkt für einen Zusammenhang
zwischen dieser Erkrankung und Amalgam gibt, sollte bei Kindern
sorgfältig geprüft werden, ob eine Füllungstherapie mit Amalgam
notwendig ist.
Schlussfolgerungen
Nach gegenwärtigem Stand wissenschaftlicher Erkenntnis besteht kein begründeter Verdacht dafür, dass ordnungsgemäß gelegte Amalgamfüllungen negative Auswirkungen auf die Gesundheit zahnärztlicher Patienten haben. Ausnahmen sind die selten auftretenden lichenoiden Reaktionen an der Gingiva oder Mundschleimhaut sowie die sehr seltenen Fälle allergischer Reaktionen gegen Amalgam. Zahlreiche kontrollierte Studien, die mit gesunden Probanden oder Patienten mit selbstvermuteter Amalgamkrankheit durchgeführt wurden, ergaben keine Hinweise dafür, dass die verschiedenen, dem Amalgam zugeschriebenen Nebenwirkungen und Symptome in einem kausalen Zusammenhang mit dem Füllungsmaterial stehen. Die Verkehrsfähigkeit des zahnärztlichen Füllungswerkstoffes Amalgam als Medizinprodukt ist somit nicht in Frage zu stellen. Gleichwohl ist zu berücksichtigen, dass das aus Amalgamfüllungen freigesetzte und vor allem pulmonal resorbierte Quecksilber zur Gesamtbelastung des Organismus beiträgt. Unter dem Aspekt des vorbeugenden Gesundheitsschutzes wird daher empfohlen, die Anwendung von Amalgam bei Patienten mit schweren Nierenfunktionsstörungen und bei Schwangeren einzuschränken bzw. bei Kindern sorgfältig zu prüfen, ob eine Amalgamtherapie notwendig ist, wobei stets die individuelle klinische Situation des Patienten berücksichtigt werden sollte.
Neu: Amalgame in der zahnärztlichen Therapie" - Stand 8/2003
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