Aus DZW-Online 37/01:

Empfehlungen der Gesellschaft für Präventive Zahnheilkunde (GPZ) zur Fluoridzufuhr

Die Empfehlungen für die Kariesprophylaxe mit Fluoriden, wie sie seit Jahren gemeinsam von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) und der Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DGZMK) gegeben werden, haben nach Ansicht der Gesellschaft für Präventive Zahnheilkunde (GPZ) weiterhin Gültigkeit. Generell wird die Verwendung von fluoridiertem Speisesalz empfohlen. Bei Kindern in den ersten drei Lebensjahren zusätzlich 0,25 Milligramm (mg) Fluorid/Tag in Form von Tabletten beziehungsweise von Kombinationen aus Vitamin D (400 bis 500 IE/Tag) und Fluorid (25 mg/fag).

Die GPZ sieht folgende Eckpunkte für die Kariesprophylaxe mit Fluorid:
1. Fluoride werden weltweit mit sehr gutem Erfolg zur Kariesprophylaxe eingesetzt. Als gleichermaßen wirksame wie praktikable Methoden haben sich insbesondere die Trinkwasserfluoridierung, die Verabreichung fluoridierten Kochsalzes, die Tablettenfluoridierung, die Anwendung fluoridierter Zahnpasten, Gele, Lacke und Lösungen bewährt.
GPZ: Grundsätzlich kommen alle der genannten Methoden als Möglichkeit für eine effektive Kariesprophylaxe in Betracht.

2. Voraussetzung für die kariesprophylaktische Wirkung der Fluoride ist im Wesentlichen ihr direkter Kontakt mit der Zahnsubstanz.
GPZ: Die kariesprophylaktische Wirkung aller der oben angeführten Methoden zur Kariesprophylaxe (auch der Trinkwasserfluoridierung, der Kochsalzfluoridierung und der Tablettenfluoridierung) ist entscheidend abhängig von ihrer lokalen Bioverfügbarkeit und weniger vom Anteil systemisch zugeführten Fluorids.

3. Voraussetzung für mögliche Nebenwirkungen (akut oder chronisch) ist die systemische Zufuhr von Fluorid. Dabei ist irrelevant, aus welcher Fluoridquelle das für den Körper systemisch verfügbare Fluorid stammt!
GPZ: Nicht nur Fluorid aus der Nahrung, aus Trinkwasser (Mineralwasser) , aus fluoridiertem Kochsalz oder Tabletten, sondern auch Fluorid aus verschluckter Zahnpasta, verschlucktem Gel/Lack. . . (das heißt, jede mögliche systemische Fluoridquelle ) muss als Ursache für mögliche Nebenwirkungen in Betracht gezogen werden. Akute Nebenwirkungen sind extrem selten. Häufigste Nebenwirkung ist die Dentalfluorose, die als Folge einer systemischen Überdosierung im Zeitraum der Schmelzbildung beobachtet werden kann.

4. Die Art und Häufigkeit der im Einzelfall indizierten Fluoridanwendung(en) erfolgt bedarfsgerecht auf der Basis einer individuellen Fluoridanamnese in Abhängigkeit vom individuellen Kariesrisiko.
GPZ: Um optimale Wirkung ohne Nebenwirkungen zu erzielen, ist - und dies gilt für jede Methode der Fluoridapplikation - zunächst im Rahmen der Anamnese abzuklären, ob und gegebenenfalls wie viel Fluorid der Patient bereits aus anderen Quellen erhält! In Abhängigkeit vom Ergebnis sind dann entweder keine weiteren Maßnahmen, die isolierte Anwendung einzelner Methoden (zum Beispiel Putzen mit fluoridierter Zahnpasta) oder auch die Kombination mehrerer Verfahren (zum Beispiel fluoridiertes Kochsalz plus fluoridierte Zahnpasta plus Fluoridlack) indiziert.

Die GPZ sieht für die Zahnarztpraxis folgende praktische Konsequenzen:

1. Vor dem Durchbruch der ersten Milchzähne (ca. 6. Lebensmonat) sind "aus Gründen der Kariesprophylaxe" keine Fluoridierungsmaßnahmen erforderlich.
2. Säuglinge, die mit bilanzierten Diäten ernährt werden oder deren Flaschennahrung mit Trinkwasser oder Mineralwasser hergestellt wird, das mehr als 0,3 mg Fluorid pro Liter enthält, benötigen keine zusätzliche Fluoridprophylaxe.
3. Bis zur Vollendung des dritten Lebensjahres kann die tägliche Zufuhr von Fluorid in der Form von Tabletten erfolgen (0,25 mg, in den ersten beiden Lebensjahren in der Regel in Form der kombinierten Karies-Rachitis-Prophylaxe zusammen mit 400 bis 500 lE Vitamin D).
Bei früh- und mangelgeborenen Säuglingen sollte diese Form der Fluoridprophylaxe erst nach Erreichen eines Körpergewichtes von 3.000 Gramm einsetzen. Eine ausreichende Gingivitisprophylaxe durch tägliches Zähneputzen mit einer fluoridfreien Zahnpasta sichergestellt. Wo diese Form der Fluoridprophylaxe nicht realisiert werden kann, ist alternativ das einmal tägliche Putzen mit einer fluoridreduzierten Zahnpasta ("Kinderzahnpasta"; 500 ppm Fluorid; ca. fünf Millimeter Stranglänge) sinnvoll.
4. Ab dem vierten Lebensjahr (3. Geburtstag) sollte vom Zahnarzt generell das tägliche Zähneputzen mit einer fluoridreduzierten Zahnpasta ( einmal täglich 500 ppm Fluorid; alternativ zweimal t„glich 250 ppm Fluorid; jeweils ca. 5 Millimeter Stranglänge) zusammen mit der Verwendung von fluoridhaltigen Speisesalz empfohlen werden. Alternativ zum Speisesalz kann die Gabe von Fluoridtabletten entsprechend dem bekannten Dosierungsschema erfolgen.
5. Ab dem Schuleintritt (ca. 6.bis 7. Geburtstag) ist das Risiko für die Entwicklung einer Dentalfluorose bei Zähnen im sichtbaren Bereich minimal (Schmelzbildung ist abgeschlossen). Aus Gründen der besseren Wirksamkeit sollten dann - zusätzlich zur Verabreichung fluoridierten Speisesalzes - Zahnpasten mit Fluoridkonzentrationen von 1.000 bis 1.500 ppm Fluorid ("Erwachsenenzahnpasta") zweimal täglich zum Einsatz kommen. Wo keine Speisesalzfluoridierung realisierbar ist, kann alternativ die Gabe von Fluoridtabletten entsprechend dem Dosierungsschema erfolgen.
6. Die lokale Anwendung von höher dosierten Fluoridlacken, -lösungen oder -gelen sollte generell nur nach zahnärztlicher Anweisung (in der Regel bei Kariesrisikopatienten) und unter zahnärztlicher Kontrolle erfolgen. Gegen eine regelmäßige häusliche Anwendung höher dosierter (> 1 Prozent Fluorid) Fluoridgelees und -lösungen nach dem Schuleintritt bestehen keine Bedenken.

Prof. Dr. Johannes Einwag, Vorsitzender der Gesellschaft für Präventive Zahnmedizin, Stuttgart.

 

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